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Die DRK-WeihnachtsgeschichteDie DRK-Weihnachtsgeschichte

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Stille Nacht in der „Langen Gasse“

Eine Geschichte von Nathalie Wollmann

 

  1. Es ist einer dieser verschneiten Tage, in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg. Louisa Lämmle steht am Fenster ihres Mehrfamilienhauses in der kleinen Wohnsiedlung „Lange Gasse“ und schaut aus dem Fenster. Schnee fällt in dicken Flocken vom Himmel und von ihrem Fenster aus kann sie die Weihnachtsdekoration der anderen Häuser bewundern. Weihnachtsstimmung liegt in der Luft. 
  2. Louisa Lämmle nippt an ihrem Tee. Der Duft von Zimt und Orangen erfüllt den Raum. Im Hintergrund hört sie ihre drei Kinder streiten. “Eine besinnliche Zeit stelle ich mir anders vor, “ denkt sie. Immer öfter wacht sie morgens auf und hofft, dass alles nur ein Traum ist und die Realität sie nicht einholt. Auf dem Wohnzimmertisch steht ihr Arbeitslaptop. In ihrem Kopf hämmert es…sie ist müde, so müde. 
  3. Louisa wird von ihrem Sohn wieder in die Realität zurückgeholt: „Mama, wann gibt es Mittagessen?“ Sie blickt auf die Uhr. Home-Office, sie hat noch genau 10 Minuten bis zum nächsten Online-Meeting. Vor dem Weihnachtsabend muss sie noch einiges erledigen und zwischendrin auch noch den Weihnachtspunsch vorbereiten, den sie ihren RotkreuzkameradInnen für den Stand auf dem Weihnachtsmarkt versprochen hat. Louisa hastet in die Küche - der Topf mit den Spaghetti quillt bereits über. „Ich schaffe das alles!“ wiederholt sie immer und immer wieder. Sie hält inne und schaut aus dem Küchenfenster.
  4. Georg Holzer, der Nachbar von Louisa, wohnt in der Erdgeschosswohnung, ein alleinstehender 80-jähriger Mann mit vielen Prinzipien. Er steht im Eingangsbereich des Hofes, schnauft durch seinen Mundschutz und nimmt die Schneeschaufel, um den Weg am Eingang des Hauses freizumachen. Während er langsam und mühevoll schippt, schaut er zu Louisa hoch. Ihre Blicke treffen sich.
  5. „Sie könnte meine Tochter sein“, denkt Georg sich. Eine tiefe Sehnsucht nimmt ihn in Besitz. Seine eigene Tochter hat er seit Monaten nicht mehr gesehen. Seine Enkelkinder kennt er nur noch vom Handy. Diesen neumodischen Kram, den mag er sowieso nicht. Georg muss an seine Ilse denken, vor zwei Jahren hat er sie begraben. Tränen kommen ihm in die Augen. „Nicht aufgeben!“, war immer seine Devise. Das hatte er sich auch immer gesagt, als er noch bei der Bergwacht war. Georg fand immer eine Lösung. Was waren das für schöne Zeiten. Georg schippt weiter den Schnee und in diesem Moment auch ein Stück seiner Sehnsucht weg.
  6. Manour al Rasam und seine Familie sind neu in der Wohnsiedlung und in diesem Haus. Sie haben schon so vieles erlebt. Die Flucht aus der syrischen Heimat, das Durchleben von so viel Leid und jetzt befinden sie sich mitten in dieser Pandemie in einem kleinen schwäbischen Vorort-Idyll. Manour trinkt mit seiner Frau Esra Tee. Beide essen Lebkuchen, die sie aus ihrer Heimat nicht kannten. Ihre beiden Kinder sind glücklich. Sie lachen und rennen durch die Wohnung. 

  7. Nach monatelanger Suche hatte die Gemeinde für Familie al Rasam eine Wohnung gefunden. Die Familie ist glücklich, dass sie endlich die Flüchtlingsunterkunft hinter sich lassen konnte. Das erste Mal in ihrem Leben sind sie sicher, aber Manour und seine Frau empfinden immer noch diese Leere. Manour sehnt sich nach seiner Heimat vor dem Krieg. Esra schaltet den Computer an und schaut zum wiederholten Male in ihren Posteingang. Trotz der Leere ist da immer noch ein Stück Hoffnung.  

  8. Hoffnung auf ein Lebenszeichen von ihrer Familie, die während der Flucht von ihnen getrennt wurde. Jeden Tag wartet sie auf dieses Lebenszeichen. Die DRK-Suchdienstmitarbeiterin hatte sich ihrer angenommen und zugesichert, bei der Suche alle notwendigen Schritte einzuleiten. Es ertönt ein lautes Geräusch, wie jeden Tag um genau diese Uhrzeit.

  9. Eva Meissner saugt das Wohnzimmer. „Der Weihnachtsbaum verliert dieses Jahr besonders viele Nadeln“, murmelt sie vor sich hin. Eva und Dr. Theodor Meissner wohnen in der Wohnung nebenan. Es handelt sich um die größte Wohnung in diesem Haus. „Es war eine gute Entscheidung, unser großes Haus zu verkaufen“, denkt sich Eva, während sie die Wohnung säubert. Vor genau eineinhalb Jahren ging sie in den wohlverdienten Ruhestand und ihr Mann, ehemaliger Geschäftsführer eines DRK-Kreisverbandes, hatte sich ebenfalls davon überzeugen lassen, sich endlich zur Ruhe zu setzen. Aber als beide sich ihren Traum einer Weltreise erfüllen wollten, da kam die Pandemie.  

  10. Theodor Meissner schaut seine Frau an und senkt sofort wieder den Blick. Er kann diese Traurigkeit in ihren Augen nicht mehr ertragen. Er nimmt das Bild seines Sohnes in die Hände, das auf der Kommode platziert ist. Ein Schmerz durchzuckt seinen Körper. Sein Sohn war vor drei Jahren gestorben. Es klingelt. Eva Meissner öffnet die Tür. Von oben ruft Werner Geißele in das Treppenhaus hinunter, ein Paket sei für sie abgegeben worden. „Das ist aber nett von Herrn Geißele”, denkt Eva.  

  11. Für Werner Geißele ist es ein besonderer Tag. Bereits seit 6 Monaten hat er keinen Tropfen Alkohol angerührt. Er ist stolz auf sich. Die Freude versetzt ihm dennoch einen Stich ins Herz. Es sind nun auch genau sechs Monate vergangen, seit er getrennt von seiner Familie lebt. Werner hatte eine Familie und ein schönes Haus gehabt. Der Alkohol hatte alles zerstört und schließlich dazu beigetragen, dass er ausziehen und sich eine kleine Wohnung im Nachbarort nehmen musste.  

  12. Anfangs dachte Werner noch, sie alle schaffen das. Die Pandemie verschlimmerte seinen Zustand und kam es vor sechs Monaten dann zum endgültigen Eklat. Werner fühlt sich sicher in dem neuen Haus. Und dann ist da auch noch die Selbsthilfegruppe beim Roten Kreuz. Aus den Treffen schöpft er Kraft. Seine Nachbarn sind Fremde für ihn. Es herrscht Ruhe in seinem Kopf, aber in seinem Herzen ist die große Sehnsucht nach seiner Familie, besonders an einem Weihnachtstag wie heute. „Könnte ich doch einfach am Rad der Zeit drehen“, denkt Werner und schließt die Augen. 

  13. Georg Holzer betritt nach erledigter Kehrwoche wieder seine Wohnung. Er sucht nach seinem Notizblock. Seit einiger Zeit versucht er, seiner Leidenschaft wieder nachzugehen und Gedichte zu schreiben. Neulich gab es im Radio einen Aufruf, sich in der Weihnachtszeit Gedanken über Heimat zu machen. Eigentlich weiß Georg immer, was er mit Heimat verbindet, aber seit die Welt aus den Fugen geraten ist, schaut er auf ein leeres Blatt Papier. 

  14. Louisa bringt in der Wohnung über ihm die drei Kinder ins Bett. Die Kinder sind glücklich und zufrieden mit dem heutigen Weihnachtsabend. Nachdem sie eingeschlafen sind, macht sich Louisa an das Chaos in der Küche und an die Wäscheberge. Sie sehnt sich so sehr nach ihrer alten Heimat. Sie wohnte früher im Norden, in der Nähe ihrer Eltern. Aus beruflichen Gründen musste Louisa mit ihren Kindern in den Süden ziehen. Sie ist alleinerziehend. Ihre Eltern und das Gefühl der Geborgenheit, die ihr ihre frühere Heimat vermittelt, vermisst sie sehr: Die Nordseeluft, der Tee... Louisa fühlt sich bei dem Gedanken an das Meer wie in eine andere Welt versetzt. Hier im Süden hat sie nun endlich einen großartigen Job, aber irgendwas fehlt. 

  15. Manour al Rasam telefoniert mit einem ehrenamtlichen Helfer, der die Familie bei ihrem neuen Leben in Baden-Württemberg unterstützt. Er will der Familie ein Weihnachtsessen vorbeibringen. Manour nimmt das Angebot höflich an und bedankt sich. 

  16. Eva Meissner deckt den Tisch für das Abendessen. Der Duft von Rotkohl steigt in ihre Nase. Sofort sind Erinnerungen da, Erinnerungen an frühere Weihnachtsfeste mit ihrem Sohn. Ein heimisches Gefühl liegt in der Luft. Als sie den Braten aus dem Ofen holt, da passiert es. 

  17. Eine Stille ist in das Haus in der Lange Gasse eingekehrt. Stromausfall. Im gesamten Haus brennt kein Licht mehr. Nichts funktioniert.  

  18. Werner Geißele ist der Erste, der seinen Balkon betritt. Die anderen Parteien im Haus erscheinen ebenfalls auf ihren Balkons. Mit Mundschutz im Gesicht und Kerzen in der Hand versuchen sie zu erfragen, was eigentlich passiert ist. Ausgerechnet am Weihnachtsabend, so ein Malheur! 

  19. Louisa erklärt von ihrem Balkon aus, dass sie versuchen sollten, Kontakt zu dem älteren Herrn aus dem Erdgeschoss aufzunehmen, der keinen Balkon hat. Georg Holzer hat sich aber bereits in den Eingangsbereich des Hauses gestellt. Seine Hand umklammert ein kleines Teelicht. „Mir geht es gut!“, ruft er den anderen von unten zu. Und obwohl es dunkel ist und in diesem Haus eine große Anonymität herrscht, fügt er hinzu: „Wissen Sie, ich versuche seit Tagen meine Gedanken zu sortieren. Darf ich Ihnen an diesem Weihnachtsabend etwas vortragen?“  

  20. Da niemand Einwände gegen ein Gedicht hat, fährt Georg Holzner fort: „Heimat ist das, was man fühlt. Heimat ist das, was Halt und Geborgenheit vermittelt. Heimat kann sich verändern. Heimat ist Zusammenhalt und vor allem ist Heimat, keine Einsamkeit mehr erleben zu müssen“.  

  21. Es herrscht für einen Moment lang Stille. Sichtlich gerührt von diesen Worten ergreift Manour al Rasam nun das Wort und sagt, dass er auch viel über seine damalige Heimat nachdenkt und er so gerne eine neue Heimat finden möchte.  

  22. Dr. Theodor Meissner hat Tränen in den Augen. Er schaut seine Eva an, die mit einer Kerze vor ihm steht. Der Zeitpunkt, vor dem er sich so sehr fürchtet, ist nun gekommen. Er spricht es aus: „Ich habe meinen Sohn verloren, aber die Erinnerung an ihn, und meine liebe Frau an meiner Seite, sind meine Heimat.“ Eva greift nach seiner Hand.  

  23. Im obersten Stock des Hauses nimmt Werner Geißele seinen Mut zusammen und ruft in die Dunkelheit: „Alkohol war meine Heimat, aber jetzt habe ich es geschafft. Jetzt muss ich nur noch eine neue Heimat finden.“ In Louisas Kopf hämmert es. „Aufgeben ist nicht! - das ist meine Devise von Heimat“, ruft sie allen zu. 

  24. Obwohl man es in der Dunkelheit nicht erkannte, so liegt an diesem besonderen Weihnachtsabend ein Lächeln auf den Gesichtern der Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses in der Lange Gasse. Dieser Abend verändert alles. An diesem Abend kehrt ein Stück Hoffnung und das Gefühl von Heimat in das Haus in der Lange Gasse zurück. Der Stromausfall hat die Türen zueinander geöffnet.

    Ja, das war Heimat: Mensch sein zu dürfen!